Gastronomie in der Krise: Warum uns ein Stück Kulturgut verloren geht
Am Beispiel des „Ristorante Don Carlo“ in Hörstel
Es ist Freitagabend, kurz nach sieben. Früher wäre im „Ristorante Don Carlo“ in Hörstel kaum ein Platz frei gewesen. Gläser klirrten, Teller klapperten, Kinder lachten, Bedienungen schoben sich zwischen Tischen hindurch. Heute bleibt der Gastraum meist dunkel. Nur wer Speisen abholt oder kegelt, kommt noch vorbei. Die Küche arbeitet – aber hauptsächlich für Take-away.
Diese Szene erzählt nicht nur die Geschichte eines Restaurants. Sie beschreibt eine Entwicklung, die in vielen Orten des Landes spürbar ist: Die Gastronomie steckt seit Jahren in einer Krise. Für manche Betriebe ist die Lage wirtschaftlich schwierig. Für andere ist es der Personalmangel. Für viele ist es beides gleichzeitig. Zurück bleiben Lücken in Städten, weniger Geselligkeit und das Gefühl, dass uns etwas Alltägliches abhandenkommt – ein Stück Kulturgut.
Inhaltsverzeichnis
1. Die Branche im Krisenmodus – Zahlen und Trends
Die Coronajahre haben tiefe Spuren hinterlassen. Während viele Branchen 2023 und 2024 zur Normalität zurückkehrten, blieb die Gastronomie zurück. Branchenverbände und Statistiken zeigen: Der reale Umsatz liegt noch immer spürbar unter dem Niveau von 2019 – dem letzten Vor-Corona-Jahr. Branchenvertreter sprechen inzwischen vom sechsten Krisenjahr in Folge.
Zu den Folgen gehören:
- weniger Gäste
- kürzere Öffnungszeiten
- verkleinerte Speisekarten
- reduziertes Personal
- steigende Preise
- Aufgabe ganzer Geschäftsmodelle
Dabei geht es nicht nur um wirtschaftliche Fragen. Gasthäuser, Cafés und Restaurants sind Orte, an denen Menschen feiern, diskutieren, trauern, sich verlieben, Pläne schmieden und einfach ihre Zeit teilen. Wenn sie verschwinden, verschwinden auch diese Gelegenheiten.
2. Kostenexplosion und Steuerlast – warum jeder Teller teurer wird
Ein Restaurant ist ein komplexer Betrieb. Schon bevor der erste Gutschein eingelöst oder der erste Espresso serviert wird, laufen Kosten für:
- Lebensmittel
- Energie
- Personal
- Versicherung
- Steuern
- Gebühren
- Lieferanten
Viele dieser Positionen sind seit 2022 deutlich teurer geworden. Energiepreise stiegen zeitweise massiv. Lebensmittelpreise erhöhten sich je nach Produktgruppe zweistellig. Hinzu kommt die Mehrwertsteuerpolitik: Nach einer pandemiebedingten Entlastung kehrte zum 1. Januar 2024 für Speisen der volle Satz zurück. Erst ab 2026 wurde wieder eine dauerhafte Entlastung beschlossen – ein Schritt, der zwar hilft, aber die Belastungen der Jahre davor nicht ungeschehen macht.
Für Gäste wirkt das oft simpel: „Die Preise sind gestiegen.“ Für Gastronomen bedeutet es: „Wir müssen jeden Euro kalkulieren – und jede Portion trägt ein Risiko.“
3. Personalmangel und Erschöpfung – die andere große Krise
Mindestens genauso entscheidend ist die Arbeitskräftesituation. Viele Beschäftigte haben in den vergangenen Jahren die Branche verlassen – aus gesundheitlichen, familiären oder wirtschaftlichen Gründen. Gastronomie bedeutet harte körperliche Arbeit, unregelmäßige Arbeitszeiten, Wochenenddienste, manchmal Nachtarbeit und wenig planbare Freizeit.
Für Inhaber entsteht daraus ein Kreislauf:
- weniger Personal → weniger Öffnungstage
- weniger Öffnungstage → weniger Umsatz
- weniger Umsatz → weniger Spielraum
In vielen Betrieben übernehmen Inhaber doppelte Aufgaben: kochen, servieren, organisieren, einkaufen, verwalten, putzen. Was früher ein Team stemmte, lastet heute auf wenigen Schultern.
Hinzu kommt eine emotionale Ebene, über die selten gesprochen wird: Viele Wirte berichten von Erschöpfung. Einige fürchten um ihre Gesundheit. Andere wollen mehr Zeit für ihre Familien. Manche entscheiden: „So geht es nicht weiter.“
4. Das Beispiel „Don Carlo“ – ein vertrauter Treffpunkt im Wandel
Das „Ristorante Don Carlo“ in Hörstel steht beispielhaft für diese Entwicklung. Fast drei Jahrzehnte lang war der Betrieb eine feste Adresse in Bevergern – für Familienfeiern, Stammtische, Geburtstage oder einfach ein spontanes Essen am Abend.
Gründung und Entwicklung:
- 1995 eröffnet
- 1999 Umzug in neue Räumlichkeiten
- über Jahrzehnte etablierter Treffpunkt
- ab 2022 Generationswechsel innerhalb der Familie
Im Januar 2026 stellte der Betrieb den klassischen Restaurantservice ein. Der Grund laut Website: Personalschwierigkeiten. Statt täglich geöffneter Gastronomie setzt das Haus nun auf ein neues Modell:
- Speisen zum Mitnehmen, online bestellbar
- zwei Kegelbahnen für Gruppen
- Dartraum offen für Interessierte und Teams
- Reservierungen für Gruppen ab ca. 15 Personen mit Vorbestellung
- Sonderöffnungszeiten an Feiertagen möglich
- Social Media als ständige Informationsquelle
Statt Gastraum-Kultur gibt es nun Eventräume + To-go-Küche. Für Kundschaft, die keine Bedienung braucht, funktioniert das gut. Für Gäste, die Freude an gemeinsamen Abenden im Restaurant hatten, verändert es das Erlebnis deutlich.
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5. Was der Wegfall von Restaurants für Orte wie Hörstel bedeutet
Wenn ein Restaurant schließt – oder wie im Don Carlo nur noch eingeschränkt öffnet – trifft das nicht nur die Gäste. Es trifft auch Vereine, Familienfeiern und das öffentliche Leben.
Restaurants sind:
- soziale Treffpunkte
- Orte für Austausch und Gespräche
- Partner von Vereinen
- Arbeitgeber
- Ausbilder
- Sponsoren lokaler Initiativen
In ländlichen Regionen wie Hörstel ist das spürbarer als in Großstädten. Wo es nur wenige Alternativen gibt, entsteht schneller ein Gefühl von Lücke: „Wo essen wir nach dem Training?“, „Wo feiern wir den runden Geburtstag?“, „Wo treffen wir uns spontan?“
Ein weiterer Aspekt betrifft die Stadtgestaltung: Leerstehende Geschäftsräume oder geschlossene Gasträume wirken sich auf das Ortsbild aus. Gastronomie erzeugt Licht, Bewegung, Geruch, Stimmen – all das fehlt, wenn Türen geschlossen bleiben.
6. Neue Wege im Gastgewerbe – reicht das zum Überleben?
Viele Betriebe suchen neue Konzepte. Auch das Don Carlo zeigt Mut zu Veränderungen:
- To-go entlastet Service und Personal
- Gruppenbuchungen sorgen für Planbarkeit
- Freizeitangebote (Kegeln, Darts) schaffen zusätzliche Anlässe
- Online-Bestellungen reduzieren Telefonzeiten und Fehlbestellungen
Solche Modelle sind nicht einzigartig. Bundesweit entstehen hybride Lösungen:
- Restaurant + Take-away
- Restaurant + Eventlocation
- Restaurant + Vereinsbetrieb
- Restaurant + Shop
- oder reine „Ghost Kitchens“
Ob das reicht, ist offen. Die Entwicklung ist noch jung. Langzeitdaten fehlen. Und nicht jedes Modell passt zu jedem Ort.
7. Fazit – eine Branche zwischen Tradition und Zukunft
Die Gastro-Krise besteht nicht nur aus Zahlen und Kosten. Sie hat eine menschliche Seite und eine kulturelle.
Drei Sätze fassen die Lage zusammen:
- Die Branche kämpft wirtschaftlich und personell.
- Viele Betriebe passen sich an oder geben auf.
- Die Gesellschaft verliert eine Alltagskultur, die Beziehung schafft.
Wie es weitergeht, hängt von vielen Faktoren ab:
- politisch (Steuern, Bürokratie, Personalpolitik)
- wirtschaftlich (Kosten, Löhne, Nachfrage)
- gesellschaftlich (Esskultur, Freizeitverhalten)
- lokal (Vereine, Gäste, Städte)
Und am Ende von uns allen – als Gäste.
FAQ – häufige Fragen zur Gastro-Krise
1. Warum schließen derzeit so viele Restaurants?
Weil Kosten, Personal und Nachfrage gleichzeitig unter Druck stehen. Viele Betriebe haben nach Corona keine Reserven mehr.
2. Ist das Problem lokal oder bundesweit?
Es ist bundesweit – wird aber in ländlichen Regionen stärker sichtbar.
3. Spielt Personal wirklich eine so große Rolle?
Ja. Viele Inhaber berichten, dass nicht Umsatz, sondern fehlende Mitarbeitende die Öffnungszeiten begrenzen.
4. Warum stellt das Don Carlo den Gastraum ein?
Laut Website wegen Personalmangel. Das reduziert Arbeitslast und Planungsschwierigkeiten.
5. Ist To-go die Zukunft?
Teilweise. Es löst aber nicht das kulturelle Problem, dass Essensorte verloren gehen.
6. Warum sprechen Verbände von „Kulturgut“?
Weil Gastronomie Orte schafft, an denen Menschen zusammenkommen – über Generationen hinweg.
7. Hilft die Senkung der Mehrwertsteuer ab 2026?
Sie entlastet – ersetzt aber keine fehlenden Mitarbeitenden und stoppt nicht automatisch alle Schließungen.
8. Warum trifft es ländliche Regionen stärker?
Weil es weniger Alternativen gibt und Leerstände schneller auffallen.
9. Was können Gäste tun?
Lokal essen, Abholen unterstützen, Verständnis für angepasste Öffnungszeiten zeigen.
10. Was passiert, wenn die Entwicklung weitergeht?
Das ist noch unklar. Fachleute warnen vor einer „Ausdünnung des öffentlichen Lebens“. Konkrete Prognosen konnten zum Zeitpunkt der Recherche nicht abschließend bewertet werden.



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